Architektur in Stockholm von Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz

Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz: moderne Architektur in Stockholm | Swedish Grace

Am meisten habe ich mich in Stockholm auf einen Friedhof gefreut. Nicht irgendeinen Friedhof, sondern den Waldfriedhof Skogskyrkogården. Dessen Gestaltung geht maßgeblich auf einen gemeinsamen Wettbewerbsentwurf von Gunnar Asplund und Sigurd Lewerentz zurück, was dann auch gleich den thematischen Aufhänger für diesen Beitrag bietet. Denn in Stockholm gibt es tatsächlich einige (moderne und weitere) öffentliche Bauten der beiden schwedischen Architekten zu entdecken.

Skogskyrkogården – Waldfriedhof.

Welch elementare Bedeutung Trauer in unserer Kultur zukommt, ist mir besonders in diesem Frühsommer wieder einmal bewusst geworden. Der Stockholmer Waldfriedhof ist für solche Zwecke ein einzigartiger Ort, ein Besuch eine bereichernde Erfahrung. Außenstehenden verhilft er auch zu einem Einblick in spezifisch schwedische Beerdigungs- und Trauerpraktiken. Der Skogskyrkogården ist mittlerweile UNESCO Weltkulturerbe, im Besucherzentrum gibt es eine kleine Ausstellung zur Geschichte, einen Shop und ein Café.

Die erstaunlich varianten Gebäuden (siehe die Fotos, Bildunterschriften und Links) liegen eingebettet auf dem durch skandinavischen Pinienwald, neue Anpflanzungen, hügelige Wiesenflächen und mittlerweile tausende schmucklose Gräber konstituierten Gelände. Dennoch: Erstaunlich harmonisch und kohärent wirkt das Enselmble, das empathische Ergebnis einer behutsamen Kooperation. Lewerentz scheint hauptsächlich für die Landschaftsgestaltung verantwortlich gewesen zu sein, die meisten Bauten aus dem 20. Jahrhundert stammen wiederum von Asplund. Zentrale Weg- und Sichtachsen erschließen das Gelände und seine Bebauung, Natur und Wegführungen werden dabei durchaus als Sinnbild des Lebens proklamiert.

Kurz zu stilistischen Umbrüchen des (doch etwas längeren) Entstehungszeitraums, auch ganz allgemein: Liest man sich etwas ein in Schwedens Beitrag zur Architektur-Avantgarde in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, stoßen Abgrenzungen mitunter als etwas holzschnittartig auf. Das Spektrum auf dem Skogskyrkogården liegt zwischen noch klassizistischen (wo dann schnell der Begriff Swedish Grace fällt) und später eben stärker funktionalistischen (Terminologie hier: Funkis) Tendenzen, beginnend mit der Stockholmer Ausstellung 1930, an der ebenfalls Asplund und Lewerentz gemeinsam beteiligt waren.

Pläne zum Skogskyrkogården findet man unter anderem hier, historische Fotografien hier.

Skogskyrkogården

Gunnar Asplund: Ursprüngliches Krematorium / Skogskrematoriet mit Kapellen und Monumenthallen, 1940.

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Asplund: Granit-Kreuz, 1939.

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Sigurd Lewerentz: Meditationshain / Almhöjden. Ein Friedrich-Verweis.

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Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz: moderne Architektur in Stockholm | Swedish Grace
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Asplund: Waldkapelle / Skogskapellet, 1920.

Links: Pfad der sieben Brunnen (Weg ins Licht).

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Asplund: heutiges Besucherzentrum / Tallumpaviljongen, 1923.

Rechts: Lewerentz: Auferstehungskapelle / Uppståndelsekapellet, 1925.

Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz: moderne Architektur in Stockholm | Swedish Grace

Asplund: Stadtbibliothek, 1928.

Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz: moderne Architektur in Stockholm | Swedish Grace
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Asplunds Stadtbibliothek setzt sich zusammen aus zwei streng geometrischen, gestapelten Baukörpern mit einer einheitlichen rotbraunen Putzfassade. Der sich in der aufgesetzten Rotunde befindliche Lesesaal wird leider momentan saniert, aber überrascht mit seiner Reduktion angesichts des noch ornamentaler mit neoklassizistischen Zitaten ausgestatteten Entrees.
Die aktuellen Bauarbeiten bedingen ganz allgemein meine begrenzte Motivauswahl. Etwa befand sich auch die ebenfalls von Asplund stammende Wasseranlage im angrenzenden Parkabschnitt hinter Zäunen in Sanierung, ähnlich wie das Portal. Einen Eindruck von der wirkungsvollen Lichtsituation, geschaffenen Sichtbeziehungen und der sorgfältigen Ausstattung und Materialität waren im Inneren dennoch zu erhalten.

Lewerentz: Markuskirche, 1963.

Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz: moderne Architektur in Stockholm | Swedish Grace

Dieses deutlich später entstandene, mittlerweile zur Ikone avancierte brutalistische Ensemble wollte ich in Stockholm nicht verpassen. An die Kirche schließen sich niedrigere Nebengebäude an und auch hier ist eine Umpflanzung – diesmal vor allem aus Birken – dem monolithischen Baukörper entgegengesetzt. Dem plastisch eingesetzten Backsteinmauerwerk kommt eine prägende Rolle zu, kraftvolle Schwünge und Kompositionen sowie herausstechende Fenster formen die Raumgebilde aus. Einiges mehr gab es aufzunehmen, etwa das Wasserbecken, den Dachaufbau und das Bogen-Zitat im Vordach. Leider blieb uns das Interieur aufgrund einer stattfindenden Beerdigung vorenthalten. Leider für uns, denn andererseits finde ich es so wichtig, dass gerade in unvergleichlichen Zeiten der Trauer Gebäude einen Dienst erweisen können und mit einer würdevollen Gestaltung ein Stück weit ihren Beitrag leisten.

Gunnar Asplund & Sigurd Lewerentz: moderne Architektur in Stockholm | Swedish Grace

Rechts, der Vollständigkeit halber: Lewerentz: Skandia-Teatern / Skandia-Theater, 1923.
(Die Riksförsäkringsanstalten haben wir ausfallen lassen, ich wollte sie aber auch erwähnt haben.)

Vertiefung: Passenderweise rückt die Ausstellung Sigurd Lewerentz. Architect of Death and Life im ArkDes gerade anhand umfassenden Archivmaterials dessen Entwürfe noch einmal explizit in den Fokus. Vor allem sind es eben seine Sakralbauten und Friedhofsanlagen, die mich gerade faszinieren und auf der Reise auch vor Ort in ihren Bann gezogen haben. Lewerentz‘ Werk deckt ein breites Spektrum an Architekturen und weiterer Gestaltung ab, die sämtliche Lebensphasen auf eine Weise prägen, wie es nur gebaute Umräume vermögen. Eine umfassende Publikation dazu ist dieses Jahr ebenfalls erschienen.

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