Designklassiker: Wassily Chair/ Clubsessel B3 von Marcel Breuer

Design | Klassiker-Spotlight: Wassily Chair/ Stahlrohr Clubsessel B3 von Marcel Breuer. Schwarzer Bauhaus Design Stuhl Klassiker im Bauhausgebäude Dessau. Tasteboykott.

Dass „sie“ am Bauhaus gut entwerfen konnten, auch Stühle, ist kein Geheimnis. Beweis: unter anderem hier. Einer der heute bekanntesten und ikonischsten Entwürfe, der an der Kunstschule entstand, ist wohl der Wassily Sessel von Architekt und Designer Marcel Breuer.

Marcel Breuer leitete ab 1925 als Jungmeister die Tischlereiwerkstatt am Bauhaus, wo er auch unter Walter Gropius studiert hatte. Dort wurden die Möbel entworfen und Prototypen realisiert – nicht in der Metallwerkstatt. Interessanterweise arbeitete Breuer daher anfangs mit Holz, schuf in Weimar beispielsweise diesen Lattenstuhl, bevor er sich später, nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau, mit Stahlrohr beschäftigte. Breuer erst hatte dieses Material in den Möbelbau am Bauhaus eingeführt. Der neue Standort ermöglichte es aufgrund der ansässigen Junkers-Werke, die während des Biegungsprozesses mit Sand gefüllten Rohre zu verarbeiten. Die industrielle Ästhetik des Wassily Chairs kommt also nicht von ungefähr.

Design | Klassiker-Spotlight: Wassily Chair/ Stahlrohr Clubsessel B3 von Marcel Breuer. Weißer Bauhaus Design Stuhl Klassiker im Meisterhaus Dessau.

Das Bauhaus hatte es sich unter Walter Gropius zum Leitsatz gemacht, die Kunst aus ihrer von anderen Disziplinen isolierten Position zu befreien und dadurch der Gesellschaft dienlich zu machen. In den Anfangsjahren sollte dies durch die Kooperation mit dem Handwerk erfolgen, später allerdings mit der Technik. An diesem Wandel hatte auch der Umzug von Weimar nach Dessau und damit eine stärkere Hinwendung zur Zusammenarbeit mit der ansässigen Industrie seinen Anteil, was sich unter anderem in der Materialwahl Breuers abzeichnen sollte.

1925/ 1926 entwarf Marcel Breuer seinen Clubsessel B 3, welcher später unter dem Namen Wassily Chair bekannt wurde – Wassily Kandinsky stattete sein Meisterhaus mit dem Sitzmöbel aus. Und hier sieht man es beispielsweise in Walter Gropius‘ Wohnzimmer. Heute ist der Entwurf wahrscheinlich Marcel Breuers berühmtester. Dabei war mir nicht bewusst, dass es das weltweit erste Stahlrohrmöbelstück für den privaten Wohnraum gewesen sein muss, angeblich inspiriert von der Inneneinrichtung in Krankenhäusern und Breuers Fahrrad. Vor allem diese Materialwahl zeichnete den Entwurf damals als revolutionär, radikal und neu aus, und wer mich kennt, weiß: Wenn etwas zu seiner Zeit als revolutionär, radikal und neu galt, hat man meine Begeisterung schnell geweckt. Hier zeigen sich die Charakteristika von Breuers frühen Stahlrohrentwürfen: Neben den vernickelten, glänzenden Stahlrohren möchte ich auch noch einmal explizit auf die Biegungen und die abgerundete Optik der Ecken verweisen. Wären diese kantig umgesetzt worden, hätte das massive ästhetische Auswirkungen.

Mit dem Material einhergehend ist auch die Konstruktion zu betrachten, die hier sichtbar bleibt. Gewissermaßen wurde sie so nach außen gekehrt. Auf das Gestell aus ineinandergesteckten Rohren mussten die textilen Elemente nur aufgezogen werden. Ursprünglich war der Wassily Chair dabei mit Eisengarn bespannt, heute in der Regel mit Leder. Dieses Element mildert zumindest ein Stück weit die kühle Ausstrahlung und verhindert das Berühren der Metalloberfläche. Das Spiel mit Kontrasten zwischen weich und hart, flächig und linear, eckig und gerundet, Schwarz/ Weiß und Silber – all das nur durch den Einsatz der zwei Materialien Leder und Stahlrohr – lässt das Auge wandern.

Designklassiker-Spotlight: Wassily Chair/ Stahlrohr Clubsessel B3 von Marcel Breuer. Schwarzer moderner Bauhaus Design Stuhl Klassiker im Meisterhaus Dessau. Tasteboykott.

Wassily Chair in den Meisterhäusern in Dessau.

Einen Stuhl/ Sessel auf diese sichtbare Weise zusammenzusetzen, scheint vielleicht nicht gerade naheliegend, andererseits nur konsequent, wenn man an einer Entschlackung und Reduktion der Form auf das Wesentliche orientiert ist, wie es Breuer war. Genau von diesem skelettartigen Rahmen geht wahrscheinlich die Faszination für den B3 aus. Trotz oder gerade wegen seiner Reduktion des Materials ist er dennoch nicht ganz so simpel und durchschaubar, wie man meinen könnte. Sein puristisches Aussehen hat auch etwas Technisches, Konstruiertes, das sich zu erkennen gibt, da das Gestell nicht durch Polster verkleidet wurde. Breuers Entwurf verzichtet auf Federn, die Polsterung besteht lediglich aus Lederbändern. Diese Eigenschaften grenzten ihn von anderen Möbeln seiner (und weitestgehend der heutigen) Zeit ab. Meiner Erfahrung nach ermutigt die Konstruktion zu einer bewussteren Haltung, man nimmt sich selbst darauf (darin?) anders wahr, als auf gepolsterten Möbeln. Mit solch einer Sitzfläche ist er nicht der bequemste Sessel… Wobei, mit einem Kissen scheint es zu gehen.

Unumstrittener als der Komfort ist da sicherlich die skulpturale Qualität des Sessels. Mit seiner sachlichen, offenen, maschinellen Ausstrahlung und der Kühle des Gestells scheint er manchmal schon fast abweisend, definitiv auch sehr leicht zu wirken. Dazu tragen auch die Stahlrohr-Kufen bei. Andererseits nimmt der Sessel mehr Raum ein, als man denkt: Ich mag, dass er so breit ist und damit eine gewisse Selbstverständlichkeit hat, die ihren Platz einfordert.

Designklassiker-Spotlight: Wassily Chair/ Stahlrohr Clubsessel B3 von Marcel Breuer. Schwarzer moderner Bauhaus Design Stuhl Klassiker im Bauhausgebäude Dessau. Tasteboykott.

Wassily Chairs im Bauhausgebäude in Dessau.

Der Wassily Chair gilt nicht nur als Inbegriff der klassischen Moderne, er wird auch als „Vorzeigeobjekt des Neuen Wohnens“ bezeichnet. Für die meisten Menschen war er allerdings schon zu Zeiten des Bauhauses unerschwinglich, auch wenn Breuer ihn für die breite Masse erdacht hatte. Dazu kommt, neben der Frage nach dem Sitzkomfort, dass sein Entwurf für viele zu schmucklos und unkonventionell war, weshalb er sich anfangs eher schleppend verkaufte. Nicht geleugnet werden darf dennoch, dass Breuer ein fortschrittliches Designverständnis mit einem neuartigen Einsatz von Materialien anregte. Dadurch wurde sein Sessel Vorreiter für viele Entwürfe und besitzt immer noch Aktualität, seine Zeitlosigkeit hat der B3 damit wohl unter Beweis gestellt. Auch heute noch wirkt er modern – eine der größten Errungenschaften der (meisten) Bauhaus-Produkte.

Breuers Wassily Chair wird mittlerweile von Knoll vertrieben. (Keine Werbung, nur ein Fakt.) Dabei scheint er zunehmend zum Statussymbol geworden zu sein, zum vermeintlichen Ausdruck von gutem Geschmack, Bildung und nicht zuletzt finanziellem Wohlstand. Das zur Marke kommodifizierte Bauhaus symbolisiert er wohl wie kaum ein zweites Produkt. Was diese Entwicklung mit den ursprünglichen Idealen des Bauhauses zu tun hat und inwiefern diese überhaupt jemals erreicht wurden, lässt sich hinterfragen.

Designklassiker-Spotlight: Wassily Chair/ Stahlrohr Clubsessel B3 von Marcel Breuer. Schwarzer und weißer moderner Bauhaus Design Stuhl Klassiker. Inneneinrichtung Möbel im Meisterhaus Dessau. Tasteboykott.

Ich mag ihn trotzdem, wie gesagt. Neben seiner designhistorischen Bedeutung auch so rein optisch. Vor allem wegen der Proportionen. Die Linien des Rahmens könnte ich ewig mit meinen Augen verfolgen, fasziniert davon, wie die einzelnen Teile ineinanderhängen und -übergehen. Sein geschicktes Spiel mit Masse und Luft, erkennbar an den Lehnen, und die spannende Silhouette, von jeder Seite, laden dazu ein, ihn zu umkreisen.

In meiner Auseinandersetzung habe ich Breuers Sessel gewissermaßen als eine Fortführung der (stereotypischen) Bauhaus-Architektur in den Raum wahrgenommen. Der Entwurf war Teil des Mobiliars im Bauhausgebäude in Dessau, für welche Breuer beauftragt wurde. In seiner Reduktion fügt sich der B3 in die Gebäude ein. Trotz dieser bleibt er durch seine Rundungen ein Stück weit weicher und setzt damit den vielen Kanten, beispielsweise der Fensterrahmen, etwas entgegen. Wobei ich gerade auf dem ersten Foto sehe, dass sich das gebogenes Stahlrohr auch im Treppengeländer wiederfindet. Das zeigt die Korrepondenz zwischen Architektur und Einrichtung, die am Bauhaus einem Gesamtkunstwerk nahekommt.

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  • Ja, zum sitzen sehen die Stühle nicht so bequem aus, aber ich finde sie auch schon lange sehr hübsch! Einmal habe ich so einen auf dem Flohmarkt gesehen, aber nicht gekauft leider, das bereue ich seitdem!!
    Viele Grüße!

    • Oh man, das kann ich gut verstehen. Meine Eltern hatten mal überlegt, welche gebraucht zu kaufen, und ärgern sich immer noch, es nicht getan zu haben. Ich ärgere mich mit, denn wer hätte sie wohl geerbt… (meine Brüder bestimmt nicht!) 🙂
      Liebe Grüße!