Exkursion: Kunst im Ruhrgebiet

Wenn man sich von nicht ganz so tollen Überraschungen ablenken möchte, hilft es wahrscheinlich am besten, an die unverhofften, guten Ereignisse zu denken. Ich hatte beide in letzter Zeit, und heute aus Gründen der ersteren Lust, über letztere zu schreiben:

Was ich mit am meisten an meinem Studium mag, sind Exkursionen in Museen und Ausstellungen in anderen Städten. Letzte Woche waren wir im Zuge dessen im Ruhrgebiet unterwegs, und eher unerwartet war ich so begeistert und dankbar nach diesem Tag, dass ich gerne ein paar Eindrücke weitergeben möchte.

Situation Kunst in Bochum

Erster Halt war die Situation Kunst in Bochum – ehrlich gesagt hätte ich weder die Stadt noch dieses Museum wirklich auf dem Schirm gehabt. Wem der Name vorher auch nicht bekannt war: Die Situation Kunst zeigt in mehreren Gebäuden im Park um das Haus Weitmar eine Vielfalt und Vielzahl an Kunst, die sehr sehenswert ist und durchaus von bekannten Künstler*innen stammt. Das hatte ich so nicht erwartet, war aber daher natürlich umso erfreuter über das, was sich uns bot. Wir waren da für die Sonderausstellung Farbanstöße. Farbe in der neueren Kunst, die vor allem in den Vordergrund rückt, wie Farbe in der Kunst eingesetzt werden kann, um Prozesse anzuregen und zu neuen Sichtweisen zu führen. Ort dafür war das Museum unter Tage – eine Reminiszenz an den Bergbau, da sich die Ausstellungsräume tatsächlich unter der Erdoberfläche befinden.

Exkursion: Kunst im Ruhrgebiet

(Ich bin zwar meinem Stil treu geblieben und habe eher die nicht-bunten Werke fotografiert, aber Farbe spielt natürlich eine viel größere Rolle in dieser Ausstellung, als es hier den Anschein hat. Links: Ohne Titel von Arman.)

Von Studierenden kuratiert, wird hier eine große Anzahl an Werken der jüngeren Kunstgeschichte gezeigt, bei denen Farbe eine wichtige Rolle einnimmt. Die Mischung aus Arbeiten von renommierten, mir teilweise aber auch bis dato unbekannten Künstler*innen fand ich sehr bereichernd, hier findet ihr eine Auflistung.

Die Werke von Arman (siehe oben), Josef Albers und der gesamte pinke Raum zählten mit zu meinen Highlights; leider hatten wir zu wenig Zeit und mussten weiter, aber dafür haben wir eine sehr interessante Führung bekommen. In den Räumlichkeiten daneben befindet sich noch eine Dauerausstellung zum Thema Landschaft, also wenn jemand besonders auf dieses Sujet steht…

Exkursion: Kunst im Ruhrgebiet. Tasteboykott.

Ein paar Meter entfernt befindet sich ein weiterer Teil der ständigen Sammlung, präsentiert in einer Gebäudelandschaft. Auf den Fotos oben seht ihr links eine Videoarbeit von Marcellvs L., die hier gut beschrieben wird und sehr aufwühlend-bedrückend war. Rechts eine Tageslichtinstallation von David Rabinowitch, die aufgrund des Einsatzes von Licht auch in ihrer Reduktion bei mir vor allem Assoziationen an Sakralbauten hervorgerufen hat. Für beide Erfahrungen bin ich sehr dankbar und hätte mir gerne noch mehr Zeit genommen, sowohl für meine Emotionen als auch für eine differenziertere Betrachtung.

Mein Highlight, wahrscheinlich des gesamten Tages, war aber dieses Environment auf dem Foto unten links. Circuit von Richard Serra besteht aus diagonal zu den Außenwänden verlaufenden Stahlplatten, die lediglich in die Ecken des Raumes geklemmt, sonst aber nicht befestigt wurden. (Wie anscheinend alle seine Arbeiten, was mir gar nicht klar war. Jetzt habe ich auf jeden Fall einen anderen Blick auf sie.) Dieses Wissen machte die Erfahrung noch einmal beklemmender, als sie es durch die den Raum prägenden Platten bereits war. Natürlich können sie nicht umfallen, aber der Gedanke war definitiv präsent. Und auch hier besteht durch das Material Stahl wieder ein direkter Bezug zum Ruhrgebiet.

Weiter hinten auf dem Gelände gab es auch noch ein Gebäude mit afrikanischer und asiatischer Kunst, wie Werken von Lee Ufan, der Lichtinstallation unten rechts (Neons by accident von François Morellet), zwei Arbeiten von Dan Flavin und mehr. Diese Beamer von Gianni Colombo fand ich z.B. auch ganz spannend. Und noch viel mehr… Die Zeit war wirklich zu kurz. Wir mussten leider weiter, deshalb hab ich einiges ein bisschen übersprungen, ehrlich gesagt.

Exkursion: Kunst im Ruhrgebiet - Richard Serra Environment

Ihr merkt: Licht schien eine zentrale Rolle an diesem Tag zu spielen, auch die Emotion der Bedrücktheit und eine besondere, sakrale Atmosphäre. Materialien und der Raum drum herum sowie unsere Interaktion mit den Werken fanden ebenfalls Thematisierung. Das sollten sie auch an unserem zweiten Stop tun:

Museum Folkwang in Essen

Exkursion: Kunst im Ruhrgebiet - Museum Folkwang Essen.

Ich war vor zehn Jahren, als das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt war, schonmal kurz nach der Einweihung da und wollte seit langem wiederkehren. Das Gebäude von David Chipperfield war mir noch grob in Erinnerung, viel mehr aber auch nicht. Erst recht nicht diese enormen Ausmaße. Die Dauerausstellung/ Sammlung ist sehr groß, man kann sich wirklich lange dort aufhalten. Und übrigens sogar kostenlos.

Bemerkenswert fand ich die Kuration, die Räume hatten häufig Oberthemen wie Doppelportraits oder Stillleben mit Holzobjekt, unter denen Kunstwerke unterschiedlichster Genres, Epochen, Stile und Herkunftsländer zusammengefasst und in Beziehung gesetzt wurden.

Abgesehen von der Sortierung könnte ich noch eine sehr lange Aufzählung von bekannten Namen (Rodin, Monet, Stella,…) anführen, aber gerade durch die entstandenen Bezüge bot das Museum noch viel mehr als das.

Doch wo wir schon beim Thema sind: Ich frage mich, warum ausgerechnet ein paar bestimmte Namen meine Begeisterung im Laufe des Tages immer wieder haben aufleben lassen. Weil ich sie kenne und abrufen kann, oder weil ihre Werke eben wirklich herausragend sind? Wahrscheinlich liegt die Antwort irgendwo in der Mitte, aber es stört mich schon etwas, dass Namen, eigentlich überall, so wichtig geworden sind. Leider für mich auch, andererseits ist es eben schon schön, wenn man jemanden oder etwas einordnen und mit seinem Wissen verknüpfen kann. Dabei ist es doch mindestens genauso spannend, wenn man jemanden (noch) nicht ganz greifen kann. Und dann mehr herausfinden möchte. So ging es mir an diesem Tag mit einigen (mir) neuen Künstler*innen, in die ich mich mehr einlesen muss. Stets mit dem Gefühl, immer noch viel zu wenig zu wissen und noch mehr lernen zu wollen.

An dieser Stelle passt es vielleicht ganz gut, auf Max Imdahls Methode zu verweisen, der in der Situation Kunst eine zentrale Bedeutung zukommt. Allein von der Konfrontation auszugehen klappte an diesem Tag zwar nicht immer, erwies sich aber oft als guter Ansatz, um Kunst zu erleben. Und das wird wahrscheinlich zu vielen anderen Anlässen auch der Fall sein.

Kunst im und für das Ruhrgebiet

Wir kamen vor allem wegen der Ausstellung zu Farbe, aber uns wurde so viel mehr geboten. Am Ende der Exkursion waren wir nach so viel Kunst sehr geschafft, aber auch dankbar, all das gesehen zu haben. Ich bin sehr froh, dass ich die Gelegenheit dazu hatte: Besonders hat mich begeistert, dass Kunst hier für alle zugänglich gemacht wird. Dass und wie (gerade) in einer traditionell vielleicht eher von der Arbeiterschicht geprägten Region Kultur gefördert, präsentiert und vermittelt wird. Dass auch Studierende im Kulturbetrieb mitwirken dürfen. Dass ganz unverhofft wahre Perlen auf einen warten. Und dass sich Anklänge an die Charakteristika einer manchmal eher etwas übersehenen Region geschickt mit Kunst der Moderne verknüpfen.

Exkursion: Kunst im Ruhrgebiet - Museum Folkwang und Richard Serra Environment

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.