Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Kunsthalle Bielefeld.

Rechts: Richard Serra, Axis, 1989.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Kunsthalle Bielefeld.

Auch Regionen, in denen man sonst eher nicht so vorbeikommt, können eine Menge bieten. Auf einer Exkursion nach Ostwestfalen ist mir das wieder einmal wortwörtlich vor Augen geführt geworden. Da gerade die Zeit fehlt, um allem reflexiv gerecht zu werden, gibt es ohne Anspruch auf Vollständigkeit nur ein paar oberflächliche Punkte zu Kunst und Ausstellungshäusern in Bielefeld und Herford, die ich in Erinnerung behalten möchte. Bei Interesse lohnt eine weiterführende Recherche, vor Ort oder erstmal im Netz.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Kunsthalle Bielefeld.

Kunsthalle Bielefeld

Das 1968 eröffnete Gebäude von Philip Johnson wollte ich tatsächlich schon sehr lange sehen, es ist sein einziger Museumsbau in Europa. Am Baukörper zeichnet sich bereits ein Abweichen vom rationaleren (durch Johnson begrifflich mitgeprägten) International Style ab, beinahe schon hin zu seinen späteren, klar postmodernen Bauten. Prägend ist der rötliche, charierte Sandstein – wunderschön, wenn das Sonnenlicht darauf fällt. Dieser stammt übrigens nicht aus der Region, sondern aus Franken. Das massive Obergeschoss erinnert beinahe an einen Architrav, es erzeugt auf jeden Fall eine ganz eigene Spannung. (Johnsons problematische Vergangenheit möchte ich nicht unter den Tisch fallen lassen, mit einmal googlen kommt man da schon recht weit.)
Vor dem Eingang der Kunsthalle warten nicht nur (wieder) Rodins Denker, sondern auch Skulpturen von unter anderem Richard Serra und Henri Laurens. Mit am schönsten fand und finde ich aber immer wieder George Rickeys Two lines oblique down II, etwas versteckt auf der Rückseite platziert.

In Richtung der Innenstadt greift ein Skulpturengarten vor, zwar abgetrennt von der Straße, aber, anders als zum Beispiel bei der Neuen Nationalgalerie, dennoch öffentlich zugänglich. Was von der Bevölkerung offensichtlich auch gerne angenommen wird. Von Bekannten wie Henry Moore oder Sol LeWitt bis für mich neue Namen wie Sou Fujimoto oder Giuseppe Spagnulo ist einiges geboten. Auch Ulrich Rückriem, der zudem in der Kunsthalle in einem Raum Thematisierung fand. Apropos Innenräume: Erschlossen durch eine elegante Treppenanlage zieht sich auch hier die Wahl des Sandsteins durch. Der Bau kommt mit ganz eigenen Herausforderungen, aber auch Potenzialen, was die Hängung betrifft: Nicht zu übersehen sind die einzigartige, divergierende Lichtsituation und ermöglichte Sichtbeziehungen innerhalb des Gebäudes und darüber hinaus. Primär wurde nachkriegsavantgardistische Kunst, etwa von Agnes Martin, Dan Flavin oder Josef Albers gezeigt; dem Standort Bielefeld angemessen auch Gottfried Jägers Generative Fotografie. Neben dieser Sammlungspräsentation endete letzten Sonntag leider auch bereits die Sonderausstellung zu Dora Maurer, aber es lohnt sich, sie im Blick zu behalten. Und auch das, was demnächst in der Kunsthalle Bielefeld kommt. Einiges mehr gäbe es anzuführen, ich beschränke mich auf eine Bemerkung: Den Oskar Schlemmer im Museumscafé sollte man nicht übersehen.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Kunstforum Hermann Stenner Bielefeld.

Links: Richard Haizmann, Das Ich der Adler, 1931.

Kunstforum Hermann Stenner

Wenige Meter entfernt hält im Kunstforum Hermann Stenner die Klassische Moderne ihre Fahne hoch. Gerade wird neben Gustav Vriesen auch Hedwig Thun vorgestellt, die unter anderem an der reformpädagogischen Debschitz-Schule und am Bauhaus bei Klee, Kandinsky und Albers studierte und nun hoffentlich nach Jahrzehnten wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Der Fund ihres Nachlasses liest sich schon mal spektakulär. Anknüpfungspunkte an das breitere Kunstgeschehen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bieten sich von ihrem Werk ausgehend einige, insbesondere, wenn man gerade die Nay-Retrospektive in Hamburg gesehen hat. Daneben begeistern in der Bielefelder Schau im Kunstforum auch andere Künstler*innen, neben Herrmann Stenner selbst (eine absolute Neuentdeckung für mich) auch etwa Hans Arp, Max Beckmann und Sonia Delaunay-Terk.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Kunstverein Bielefeld.
Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Kunstverein Bielefeld.

Kunstverein Bielefeld

Komplettiert wird das zentrale Ensemble an Ausstellungshäusern in Bielefeld durch den Kunstverein. Unter dem Titel Don’t Say I Didn’t Say So widmet sich die aktuelle Ausstellung dem Thema Disziplinierung in der Kunst. In dem Zuge schadet auch ein Blick auf Marcel Broodthaers nicht. Mir persönlich ist das Gezeigte dann doch etwas zu zeitgenössisch, aber ohne Frage in einem sehr schönen, historischen und vermutlich wiederholt sanierten Gebäude präsentiert.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Marta Herford.
Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Marta Herford.

Marta Herford

Im vergangenen September war ich bereits für einen Tag in Herford im Marta, allein der 2005 fertiggestellten Architektur von Frank Gehry wegen. Tatsächlich ist es kein kompletter Neubau, sondern eine erweiterte denkmalgeschützte Textilfabrik, die zudem Räumlichkeiten für weitere Verbände bietet. Die gesamte Geschichte der Institution ist sehr interessant und recht einfach nachzulesen.
Ein Gang um das Gebäude (vorbei an Michael Sailstorfers Hoher Besuch) offenbart nicht nur den von der Erweiterung durch die sogenannte Public Street separierten originalen Baukörper, sondern auch die wunderbare Lage am Fluss Aa – hier nicht zuletzt als Inspiration für Gehrys fließende Formensprache zu verstehen, die eben doch sehr eindeutig in den Vordergrund tritt. Aus manch einer Perspektive wähnt man sich angesichts des Materials und der Dynamik von Fassade und Dachkonstruktion beinahe in Bilbao, doch der Klinker verweist wiederum auf die Bautradition der Region. Beinahe so wie auf ähnliche Weise Luciano Fabros La Palla in Bezug mit dem Museumsbau sowie der Infrastruktur der Stadt steht.

In den Gehry-Ausstellungsräumen mit ihrer imposanten Höhe, Form- und Lichtwirkung wird momentan primär Sociatry von Pedro Reyes gezeigt. Neben Robert Barta, der letzte Woche zum Künstlergespräch im Haus war, ergänzen diese aber auch Zeichnungen und Materialien der fabelhaften Lina Bo Bardi, jüngst geehrt mit dem Goldenen Löwen auf der Architektur-Biennale 2021. Von der vielfältigen Sammlungspräsentation Marta Maps im Bestandsbau kann man halten, was man möchte, die Positionen von Arte Povera-Künstlerin Carla Accardi sowie Guillaume Bruère sagten mir persönlich dabei am meisten zu. Und eine permanente Wandzeichnung von Sol LeWitt bietet sowohl einen Full Circle-Moment als auch den passenden Schlusspunkt für diese heutige Revue.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Marta Herford.

Public Street im Marta. | Coconut Chairs von George Nelson.

Exkursion: Kunst und Architektur in Ostwestfalen. Marta Herford.

Diese Exkursion nach Bielefeld und Herford ist nicht zuletzt eine Erinnerung daran, dass regionale Persönlichkeiten, Bezüge und Eigenheiten sowie eine internationale, namenhafte Kulturproduktion nicht im Widerspruch stehen müssen, dass Kunst und Architektur vielmehr gerade dieses Zusammenwirken so stark auszeichnet. Und, wie anfangs bereits angeklungen, dass auch abseits bekannter Metropolen Institutionen und Angebote bestehen, bestehen müssen und auch besucht werden möchten, um wertvolle Auseinandersetzungen zu initiieren.

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