Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin

Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin
Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin

Wenige Bauten hierzulande dürften in den vergangenen Monaten so im Fokus der öffentlichen und medialen Wahrnehmung gestanden haben wie die Neue Nationalgalerie in Berlin. Nach sechsjähriger Sanierung durch David Chipperfield Architects Berlin konnten die Schlüssel im Frühjahr übergeben werden, im August eröffneten die mittlerweile wieder mit Ausstellungen bespielten Räumlichkeiten und erst vor wenigen Wochen wurde Klaus Biesenbach als neuer Direktor bestätigt.

Vor allem die Architektur von Mies van der Rohe, erbaut von 1965 bis 1968, war und ist Gegenstand wissenschaftlicher und auch persönlicher Auseinandersetzungen und nicht zuletzt meiner eigenen Faszination.
Auf fällt das de facto ausgesprochen schwere Dach, das dennoch beinahe zu schweben scheint. Mit Marmor verkleidete Pfeiler im Innenraum und ihre stählernen Pendants seitlich vor der Glasfassade ermöglichen diesen Eindruck. Das obere Stockwerk ist auf allen Seiten vollflächig verglast, im Granitsockel darunter befindet sich jedoch der Großteil der Ausstellungs- und Verwaltungsräume.
In diesen fallen vor allem die ungewöhnliche Ausstattung mit Teppichböden, wirkungsvolle Furnierverkleidungen, Granitplatten und filigran-reduzierte Innentüren auf. In seiner Konsequenz, Materialbeschränkung, formalen Reduktion und dennoch Raffinesse gilt der Bau als unvergleichlich detailliert geplant und ausgeführt. Ihn zu sanieren dürfte eine besondere Herausforderung gewesen sein. Das gelungene Resultat mit zahlreichen Details beeindruckt umso mehr: Auch dort, wo wenig ist, lässt sich viel falsch machen, der Gesamteindruck hier erscheint jedoch auch bei genauerem Hinsehen als sehr gelungen. Für eine weiterführende Auseinandersetzung sei auf diese Seite verwiesen, auch, um Referenzen auf antike und klassizistische Bautraditionen besser nachvollziehen zu können.
In einem Videorundgang direkt nach der Schlüsselübergabe lässt sich zudem ein erkenntnisreicher, historisch so unvergleichlicher Einblick gewinnen.

Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin
Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin

Die Ausstattung der Räume führt deren Konsequenz mit ihrer Beschränkung auf van der Rohes Barcelona Mobiliar und einige zurückhaltende Textilien fort. Ein starrer Rundgang scheint in der Dauerausstellung über weite Teile nicht gegeben, vielmehr öffnen sich die Räume zueinander.
Ein nicht unpassendes Raumkonzept angesichts der Parallelität und fließenden Übergänge einiger gezeigter Epochen: Beschränkt wurde sich auf Kunst von 1900 bis 1945, spätere Arbeiten werden wohl im nebenan im Bau befindlichen Museum des 20. Jahrhunderts untergebracht werden. In der Neuen Nationalgalerie wird gezeigt, was sich im Wesentlichen unter dem Begriff Klassische Moderne subsumieren lässt. Vor allem Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Dada, Kubismus und Surrealismus sind als Schlagworte zu nennen. Dabei zeigen sich – dem Titel Die Kunst der Gesellschaft gerecht werdend – Einflüsse ereignisreicher Zeiten in Deutschland, Verweise, Umbrüche und Tendenzen. Eine Auseinandersetzung empfand ich daher nicht immer als emotional einfach. Meine persönlichen Highlights umfassen unter anderem Hannah Höchs Collage mit dem sensationellen Titel Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands, Ernst Ludwig Kirchners Potsdamer Platz sowie Horst Strempels Nacht über Deutschland. Neben so vielen mehr. Abbildungen sind teilweise hier zu finden.
Erkenntnisreiche Texttafeln wurden stellenweise der Kunst zur Seite gestellt, ein Aufbau, der zur aneignenden Begehung des Raums anregt und auch mitunter eine kritische Betrachtung nicht scheut.

Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin

Links: Einen Skulpturengarten gibt es auch.

Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin

In der oberen Halle sind aktuell Skulpturen von Alexander Calder installiert. Sowohl Mobiles als auch statischere Skulpturen; sehr monumentale, aber auch delikatere, dynamischere Arbeiten und sogar Modelle. Als entscheidend erweist sich dabei auch deren Ausleuchtung und Bezug zur räumlichen Kulisse. Lichteinfall, besonders der abendliche Sonnenschein, wie wir ihn erleben durften, hat Einfluss auf die Wirkung im Raum. Diese wird durch die einmalige Architektur erst konkret ermöglicht. Dabei zeigen sich Sichtachsen und Blickbezüge innerhalb des Ausstellungsraums und über die umlaufende Terrasse hinaus bis in das Berliner Stadtbild. Viel zu sehen, nicht nur viel Raum. Das braucht seine Zeit.
Gut, dass ich keine richtige Kamera mitgenommen habe, wir haben auch so sehr lange in den Ausstellungsräumen verbracht und vieles noch nicht richtig gesehen. (Aber Claus Kleber, den haben wir immerhin zu Gesicht bekommen.) Die aktuelle Sonderausstellung zu Rosa Barba mussten wir leider auch ausfallen lassen, unsere Zeitfenstertickets waren nach vier Stunden auch schon längst abgelaufen. (In der Kunsthalle Bremen gibt es aber gerade immerhin eine Arbeit von ihr, sie unterrichtet auch an der HfK.)

An dem Tag wechselt Berlin häufiger zwischen grau und sonnig, ähnlich meinem Inneren. Die Schwere, die die Stadt in mir auslöst, ist wieder da. Als ich das letzte Mal hier war, war sie das nicht. Im August war einiges noch anders. In mir, in Berlin, in der Neuen Nationalgalerie. Mittlerweile ist Herbst. In der Stadt, in der so viel zu sehen ist, so viele Gebäude, von denen einige nochmal besonders herausstechen, gibt es wieder eine Attraktion mehr.

Mehr Bauten von Mies van der Rohe: Haus Lemke, Wohnblock in der Weißenhofsiedlung, Barcelona-Pavillon.

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