
Reihenhäuser von Pieter Oud.

Rechts: Terrassenhaus von Peter Behrens.

Werbung ohne Auftrag | Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester habe ich vor allem dazu genutzt, meine Zeit großzügig zu verschwenden und zu versuchen, den verpassten Schlaf des gesamten letzten Jahres nachzuholen. Es war herrlich. Einen lange geplanten Ausflug konnte ich dennoch endlich mal umzusetzen: Ich war in Stuttgart in der Weißenhofsiedlung.
Urbanes Bauprojekt auf dem Killesberg
Die Weißenhofsiedlung wurde 1927 durch den Werkbund im Zuge der Ausstellung Die Wohnung realisiert. Internationale, renommierte Architekten des Neuen Bauens waren eingeladen, ihre Vorstellungen von den Bedürfnissen der Zeit angemessenen Wohnbauten zu zeigen. Dabei bauten neben bekannten Vertretern wie Walter Gropius, Hans Sharoun oder Pieter Oud auch regionale Architekten wie Richard Döcker und Adolf Schneck. Die Leitung und Auswahl der Architekten oblag vor allem Mies van der Rohe, von dem auch das größte Gebäude der Siedlung, ein Mehrfamilienhaus, stammt. Neue Technologien, Bauweisen und Materialien ermöglichten niedrige Kosten sowie eine kurze Bauzeit.
Kurzer Einschub: Das Neue Bauen, soweit ich es verstehe, bezeichnet eine Bewegung in der Architekturgeschichte, die darauf abzielte, Bauten zu schaffen, welche den Bedürfnissen der Bewohner*innen sowie der Nachfrage nach Wohnraum ab den 1910er Jahren auf schnelle, effiziente, funktionale, preiswerte, demokratische und ästhetische Weise gerecht wurden. Eng daran gekoppelt war die Abkehr von historistischen und ornamentalen Stileinflüssen hin zu einer klassischen modernen Architektur. Diese zeichnet sich auch durch den Einsatz damals fortschrittlicher Baustoffe, standardisierte Bauweise und neue Konstruktions- und Gestaltungsansätze aus. Wichtige Vertreter sind beispielsweise Le Corbusier, die Gebrüder Taut oder Erich Mendelsohn; die zu der Zeit kursierenden Ideen wurden unter anderem auch am Bauhaus aufgegriffen und weiterverfolgt. Da sich das Neue Bauen jedoch nicht auf die Bautätigkeiten des Bauhauses allein reduzieren lässt, verzichte auch ich auf den Begriff Bauhausstil.
Auch wenn sie für die Ausstellung gebaut wurden, waren die Häuser dennoch dazu konzipiert, dass Menschen dort einziehen würden. So konnten sich die neue Ideen, die dem Lebensstil moderner Großstadtmenschen gerecht werden sollten, gleich in ihrer Alltagstauglichkeit beweisen: etwa multifunktionale, offene und großzügige Wohnräume, fortschrittliche technische Ausstattung oder eine durchdachte Raumaufteilung. Den Forderungen nach urbanem, komfortablem Wohnraum für alle sollte dadurch musterhaft nachgekommen werden.

Wohnblock von Mies van der Rohe.

Links: Reihenhaus von Mart Stam.
Das Architekturverständnis der Beteiligten kann auch heute noch als visionär eingestuft werden und beeindruckt durch unkonventionelle und praktikable, durchdachte Konzepte. Dennoch spaltete das Projekt seinerzeit die Gemüter und polarisierte aufgrund seiner neuartigen Gestaltungsansätze.
Dass die Architekten der Siedlung mit ihren Gebäuden zwar ähnliche Ideen verwirklichen wollten, dennoch keinesfalls eine homogene Gruppe darstellten, zeigt die Differenzierung auf dieser Seite ganz gut. Vielmehr haben sie alle zu einer eigenen Formensprache gefunden. Der Prozess und die Errungenschaft, einen charakteristischen Stil auszubilden, faszinieren mich stets besonders. Die verfolgte, auf Funktionalismus ausgerichtete Prämisse äußert sich wahrscheinlich am bildlichsten in Le Corbusiers Wortwahl der ‚Wohnmaschine‘ für seine Vorstellung von zeitgemäßem Bauen. Eine solche ‚Wohnmaschine‘, hier in Form des Einfamilienhaus Citrohan, zumindest von außen mal in echt zu sehen, war tatsächlich schon lange ein Wunsch von mir.
Zu den einzelnen Gebäuden könnt ihr hier mehr nachlesen.

Balkon am Haus des Typs Citrohan von Le Corbusier und Pierre Jeanneret.

Einfamilienhaus von Hans Sharoun.

Das Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier

Eine Ikone der Architekturmoderne: Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret.

Heute stehen noch 23 der 33 originalen Gebäude der Weißenhofsiedlung. Sie wurden weitestgehend in ihren Ursprungszustand versetzt und sind größtenteils bewohnt. Im Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret befindet sich jedoch das Weissenhofmuseum: Während in der einen Hälfte eine Ausstellung zur Siedlung untergebracht wurde, kann man in der anderen das rekonstruierte Interieur aus dem Baujahr 1927 besichtigen.

Dachterrasse mit Blick auf Stuttgart.

Fun Fact: Tatsächlich wurden diese 209-Bugholzstühle der Gebrüder Thonet auch in der ursprünglichen Ausstellung eingesetzt: „Le Corbusier […] bestätigte, dass dieser Stuhl ‚Adel besitzt‘.“ (Quelle)

Blick ins Treppenhaus. | Multifunktionaler Wohnraum mit verstaubaren Betten.

Ehrlich gesagt hatte ich mir das Haus immer größer vorgestellt, aber in den Zwanzigern besaßen die Wohnflächen wahrscheinlich im Durchschnitt noch andere Ausmaße.
Die Ausstellung im Weissenhofmuseum thematisiert die Geschichte der Siedlung. Sie gibt unter anderem Einblicke in die Relevanz des Werkbunds, den Auswahlprozess für die Architekten und die Verfemung, die die damals radikal unkonventionelle Weißenhofsiedlung hervorrief. Auch auf im Laufe der Jahre vollzogene Umbauten wird eingegangen. Erst spät erhielten die Gebäude der Siedlung die Würdigung, die sie verdienen. Diese Haushälfte wird dabei selbst zu einem historischen Dokument.

Einbauschrank und rekonstruierte Farbgestaltung im Wohnraum.


Die ursprüngliche Architektur und Innenraumgestaltung erlebbar gemacht
Das Interieur in der rechten Hälfte präsentiert sich im Gegensatz zum Museum weniger weiß: Die originale Farbigkeit an Wänden, Türen und Einbaumöbeln wurde wiederhergestellt. Dabei finde ich es immer wieder überrraschend und fast schon amüsant, wie viele Farben in einem Raum kombiniert wurden. Das zeigt wieder einmal: Neues Bauen ist keinesfalls ausschließlich monochrom gehalten worden. Vielmehr empfinde ich die Farbkombinationen stets als sehr inspirierend und mit Feingefühl aufeinander abgestimmt.
In großen Einbauschränken im kombinierten Wohn- und Schlafzimmer ließen sich Betten tagsüber unterbringen. Ehrlich gesagt stellt sich mir die Frage nach der Praktikabilität und dem Komfort dieser Raumnutzung, aber flexibel ist sie allemal. Inspiration dafür war ein Zugwaggon, das wird hier ganz schön beschrieben. Überhaupt fand ich die Aufteilung teilweise etwas ungünstig gelöst, das kann natürlich auch an veränderten und persönlichen Bedürfnissen liegen. Was mich wiederum zu der Frage führte: Wie stark sollte Architektur individualisiert sein – oder lieber standardisiert?
Auffällig: Das Haus scheint sich stark nach oben hin zu orientieren, die Wohnräume sind im ersten Obergeschoss untergebracht und eine Dachterrasse schafft zusätzliche Fläche in der Stadt. Sie ist nur einer der fünf Punkte zu einer neuen Architektur nach Le Corbusiers und Pierre Jeannerets Vorstellungen, die hier Umsetzung fanden. Mehr dazu könnt ihr beispielsweise hier nachlesen.
Weißenhofsiedlung und Weissenhofmuseum – ein lohnenswerter Besuch
Für mich macht das Haus die zeitlose Wichtigkeit von Qualität im Bauen deutlich, wie sie der Werkbund – auch aufgrund dessen Vorstellung von sozialer Verantwortung von Architektur – anstrebte.
Der Besuch in der Weißenhofsiedlung war spannend, lehrreich und inspirierend. Zu Recht zählt sie neben den Bauhausgebäuden zu den wichtigsten Adressen in Deutschland, wenn man sich für Neues Bauen interessiert. Wo sonst kann man schon so viele Häuser bekannter Architekten auf einmal finden? Noch dazu in einer solchen Varianz an Gebäudetypen?
So, das waren jetzt viele viele Monstersätze. Aber ich war irgendwie bei dem Thema sehr in Fahrt. Vielleicht interessiert euch bei der Gelegenheit auch mein Beitrag zum Bauhaus in Dessau.
Für 2020 hoffe ich auf noch mehr Gelegenheiten, Architektur des Neuen Bauens selbst wahrnehmen zu dürfen. Ganz nach dem Motto – Neues Jahr, Neues Bauen. Habt ihr Tipps, was ich unbedingt sehen muss?


