Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Rektorenwohnhaus. | Altstädter Schule.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Rektorenwohnhaus: Farbdetail.

Ausgerechnet in Celle, wo Barockschloss samt Gartenanlage Einblicke in die höfische Kultur der Welfen gewähren und die von Fachwerk geprägte Innenstadt mit Fassaden aus dem 17. Jahrhundert aufwartet, lässt sich das Werk eines der wichtigsten Vertreter des Neuen Bauens besonders umfangreich erfahren. Otto Haesler blieb der Stadt über beinahe drei Dekaden treu verbunden, zahlreiche seiner Bauten in Celle zeugen davon. Natürlich fängt auch Haesler nicht auf einmal aus der Luft heraus an, ausschließlich rational und funktionalistisch im Sinne des Neuen Bauens zu entwerfen, aber seine sonstige Bautätigkeit sei nun mal außen vor gelassen. Auch sie ist allerdings in Celle nachzuvollziehen.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle
Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Altstädter Schule: Portal.

Schönerweise gibt es mittlerweile einen Rundweg mit Informationstafeln in Celle, der an alle wichtigen Bauten führt. Ich habe sie hier abgelichtet. Das Spektrum dabei reicht von der luxuriösen 400 qm großen Direktorenvilla über einige wenige Einzelhäuser hin zu Siedlungen mit Kleinstwohnungen, auch eine Schule mit anliegendem Rektorenwohnhaus ist geboten.
Exemplarisch ließen sich gleich am Rektorenwohnhaus zentrale Merkmale abexerzieren: gestaffelte Kuben in wohlbedachten Proportionen, eine kräftige Farbgestaltung als belebendes Pendant zur Putzfläche, flaches Dach… Aber gerade ein Blick auf die Details lohnt sich!

Direktorenvilla.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Vor allem aber sind es eben seine Siedlungen, ist es der soziale Wohnungbau, um den Haesler sich verdient gemacht hat. In ihrer Repetition entfalten sie noch einmal eine andere Wirkung. Chronologisch erbaute er in Celle die Siedlungen Italienischer Garten, Georgsgarten und Blumläger Feld. Im Italienischen Garten sind die symmetrisch angelegten Gebäude am besten erhalten und zeichnen sich durch die leuchtendste Farbigkeit aus. Neben den flachen Ziegeldächern fällt auch die Staffelung der Bauteile sowie die Farbwahl von Fenstern, Türen und Kragplatten auf. Überhaupt, Haeslers Fenster! Immer wieder überraschen sehr kleinformatige, runde oder auch rechteckige Einschnitte, auch weitere spannende Platzierungen und Variationen sind zu beobachten.
Angestrebt war neben der seriellen Bauweise eine Maximierung der Effizienz der Wohnfläche, um bezahlbaren und dennoch einigermaßen komfortablen Wohnraum zu schaffen – eigene Badezimmer gab es im Georgsgarten nicht, dafür einen vorgeschobenen Gebäuderiegel mit Gemeinschaftseinrichtungen samt Waschräumen. Ähnlich war es im Blumläger Feld. Die Wohnhausgruppe Waack hatte ähnliche Bestrebungen, bot Bewohnenden allerdings deutlich mehr Annehmlichkeiten. Damit reflektieren die Siedlungen die Bedürfnisse und Umstände der Entstehungszeit, machen plastisch, wie Otto Haesler Lösungen aus Gründen der Wirtschaftlichkeit erdachte. Im ehemaligen Wasch- und Badehaus der Siedlung Blumläger Feld ist mittlerweile das Otto Haesler Museum eingerichtet. Es bringt ganz explizit zur Sprache, welch ein Anliegen ihm die soziale Architektur war, in welchem Umfang er kalkulierte und abwog. In diesem Zuge scheint die funktional-reduzierte Formensprache zwangsläufig. Musterwohnungen sind ebenfalls zu besichtigen.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Auch von Haesler: Interieur im Kaffeehaus Kiess & Krause.

Siedlung Italienischer Garten. | Ein Stück Bremen in Celle: Wagenfeld Tischleuchte.

Der Zustand der Celler Errungenschaften des Neuen Bauens könnte unterschiedlicher kaum sein: Bei der gelungen restaurierten Direktorenvilla schachteln sich virtuos Elemente zum weiß verputzten Baukörper ineinander, verleihen ihm trotz der kantig-minimalen Formen dynamische Spannung. Auch die gelbe Farbwahl der meisten Fensterrahmen, gepaart mit dunklem Stahl, fällt ins Auge. In anderen Gebäuden wie in der Siedlung Georgsgarten wurden viele Originalfenster durch Kunststoffmodelle ersetzt, was etwas den Eindruck trübt. Hier zeigt sich ganz konkret, wie ehemals kostengünstige Lösungen im Laufe der Dekaden überholt und durch marktgängigere Produkte ersetzt wurden, dass nicht zuletzt die Bewahrung der ehemals ökonomischen Baukultur selbst zum herausfordernden Faktor werden kann. Und vielleicht auch, wie sich Verständnisse von Fortschritt, ästhetischer Raffinesse und dem, was bewahrenswert scheint, ändern.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle
Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Daneben sind etliche Leerstände festzustellen: Die Altstädter Schule mit ihrem eindrücklichen Portal sowie zahlreichen außergewöhnlich prägenden Fenstern, die zur Gliederung der Fassade beitragen, wird momentan nicht genutzt. Eine Renovierung, hoffentlich auch inklusive Instandsetzung der zentralen Multifunktionshalle, scheint in Planung zu sein. Ähnliches gilt für das Blumläger Feld: Ein Teil ist nicht mehr erhalten, ein weiterer unbewohnt und in Erwartung einer dringend notwendigen Sanierung. Der Umgang mit dem Erbe dürfte kein leichter sein, er fordert Ressourcen und birgt seine Herausforderungen. Doch gerade im Vergleich zeigt sich: Wo der originale Eindruck wiederhergestellt werden konnte, wird der Aufwand langfristig belohnt.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Wohnhausgruppe Waack: Belebung der Fassade.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Siedlung Georgsgarten: Leuchtschrift.

Siedlung Georgsgarten. | Otto Haesler Museum.

Übrigens war Haesler weder als Studierender noch Lehrperson jemals selbst am Bauhaus, gleichwohl er in Kontakt mit Walter Gropius und Bauhäusler*innen stand. Das Angebot, dritter Direktor der Schule zu werden, schlug er aus, um sich weiterhin seinem Architekturbüro widmen zu können. An seiner Stelle trat Mies van der Rohe die Leitung an. Die Wortwahl des intensiven Stadtmarketings bleibt wohl aus öffentlichkeitswirksamen Gründen hinzunehmen.
Abschließend möchte ich noch auf Karl Völker verweisen, der für zahlreiche Bauten Haeslers die – leider nicht immer erhaltene – Farbgestaltung übernahm. Auch sein Schaffen lohnt einen genaueren Blick.
Wie Celle eben ganz allgemein, gerade im Frühling. Für das Neue Bauen, für Otto Haesler, aber natürlich noch für viele ganz unterschiedliche Interessen.

Neues Bauen: Otto Haeslers Bauten und Museum in Celle

Siedlung Blumläger Feld.

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